Die Kunsthalle veranstaltete zunächst vor allem Ausstellungen: Einerseits gab es im zweijährigen Rhythmus die Ausstellungen aktueller Kunst im Zyklus der norddeutschen Kunstvereine, andererseits zeigte man weiterhin eigene und geliehene Bilder bei den kleinen sonntäglichen Präsentationen. Doch nach der Jahrhundertwende entwickelte sich das Haus von einer Ausstellungshalle zu einem Kunstmuseum mit umfangreicher eigener Sammlung.
Zur Eröffnung der Kunsthalle 1849 stifteten Alexander Schröder, Friedrich Leo Quentell, Carl Hartlaub und Hieronymus Klugkist das große Gemälde Christus und die Ehebrecherin, das damals noch Giorgione zugeschrieben wurde. Heute weiß man, daß es von Luca Giordano gemalt wurde.[1] Zwei Jahre später erweiterte sich die Sammlung erstmals durch ein bedeutendes Vermächtnis: Senator Dr. jur. Hieronymus Klugkist (1778-1851) hinterließ dem Kunstverein seine kostbare Sammlung altdeutscher Kunst, darunter Dürers Tafeln des Heiligen Onuphrius und des Heiligen Johannes des Täufers, die Geburt Christi von Albrecht Altdorfer, 47 Aquarelle und Zeichnungen von Dürer sowie eine fast vollständige Kollektion seines druckgraphischen Werkes. Damit war ein überragender Schwerpunkt für das Kupferstichkabinett gelegt, der an Qualität nur von wenigen Museen übertroffen wurde. Leider sollte dieser Bestand durch die Verluste im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg arg dezimiert werden.
Bereits im Gründungsjahr 1823 hatte Klugkist eine Stiftung mit 120 Talern in Gold für den Kunstverein begründet, deren Zinsertrag zur Hälfte dem Kunstverein zugute kam, zur anderen Hälfte zur Kapitalbildung angespart wurde. An dieser Stiftung beteiligte sich mit weiteren 100 Talern der Kaufmann Johann Heinrich Albers (1774-1855). Auch er vererbte seine reiche Sammlung dem Kunstverein. Damit kamen im Jahre 1856 insgesamt 19 Ölbilder, 15.000 graphische Blätter und viele wertvolle Bücher in die Kunsthalle. Die Gemälde waren zum größten Teil holländische Werke aus dem 17. Jahrhundert, darunter die Trictrac-Spieler von Gerard Ter Borch, die Landschaft mit Ruinen von Jan Asselijn und Der Quacksalber von Cornelis Dusart. Zum Legat gehörte aber auch die Findung des Mosis von Friedrich Overbeck, die Albers selbst beim Künstler in Auftrag gegeben hatte. Bei der Druckgraphik sind besonders die umfangreichen Bestände von Lucas van Leyden und Rembrandt sowie die italienische Graphik des 17. Jahrhunderts hervorzuheben. Schon vor seinem Tode hatte Albers dem Kunstverein mehrere Bilder geschenkt. Vor allem aber hatte er den Bau der Kunsthalle gefördert, indem er bereits 1844 eine Summe von 3000 Talern für den Bau eines "Kunstlocals" stiftete.
Neben Klugkist und Albers gehört auch der Bremer Arzt Dr. med. Melchior Hermann Segelken (1814-1885) zu den hervorragenden Stiftern des Kunstvereins. Sein Interesse galt vor allem dem altitalienischen Holzschnitt. Er besaß nicht nur eine umfangreiche Sammlung dieser Drucke mit vielen seltenen Exemplaren, sondern er beschäftigte sich auch wissenschaftlich mit dem Thema. Bei seinem Tod vermachte er der Kunsthalle seine circa 6000 Blätter umfassende Sammlung von Holzschnitten und Clairobscur-Drucken sowie ein dreibändiges Manuskript mit eigenen kunsthistorischen Untersuchungen auf diesem Gebiet.
Neben diesen besonders herausragenden Stiftern trugen viele andere Mitglieder durch Schenkungen dazu bei, daß der Kunstverein 1892 neben dem großen Bestand im Kupferstichkabinett insgesamt 172 Gemälde und 18 Skulpturen sein Eigen nennen konnte. In diesem Jahr legte der Bremer Arzt Dr. Wilhelm Hurm (1848-1896) einen ersten Bestandskatalog vor, sein Beschreibendes Verzeichnis der Gemälde und Bildhauerwerke des Kunstvereins zu Bremen, das sich besonders durch Hurms Forschungen über Bremer Maler auszeichnete. Unter den 172 verzeichneten Gemälden befanden sich 25 Werke von Bremer Künstlern, 35 Bilder der Düsseldorfer Schule und 37 Werke holländischer Maler des 17. Jahrhunderts. Damit sind die damaligen Schwerpunkte der Sammlung deutlich bezeichnet, und schon hier zeigt sich ihr später vielzitierter "kammermusikalischer" Charakter: Es dominieren eher die kleineren Formate und vor allem profane Themen wie Landschaften, Genre und Bildnisse, während Historienbilder ebenso selten sind wie Allegorien und Altäre.
Die letzte große Stiftung des 19. Jahrhunderts war die des Generalkonsuls Eugen Kulenkamp (1834-1897). Er vermachte dem Kunstverein nicht nur 29 Gemälde, sondern auch ein Kapital von 300.000 Mark, dessen Zinsen "zur Anschaffung von Ölgemälden hervorragender Künstler" verwendet werden sollten. Aus der Kulenkamp-Stiftung wurden in der Folgezeit Werke von Thoma, Feuerbach, Corinth, Slevogt, Courbet und Pissarro erworben. Diese Ankäufe verraten bereits eine neue Richtung in der Politik der Erwerbungen, wie sie der zukünftige erste wissenschaftliche Direktor der Kunsthalle, Gustav Pauli, durchsetzen sollte.
(Dr. Dorothee Hansen)
[1] Vgl. Luca Giordano, Christus und die Ehebrecherin, Ausstellungskatalog Kunsthalle Bremen 1995/96.