Bereits 1834 war die Idee aufgetaucht, ein eigenes Gebäude für den Kunstverein zu erwerben.[1] Damals dürfte vor allem der Wunsch nach einem eigenen "Local" für die Veranstaltung von Wechselausstellungen im Vordergrund gestanden haben, da die vereinseigene Sammlung für eine dauerhafte museale Präsentation noch viel zu klein war. Der Vorstand machte daher eine Eingabe beim Senat, in der er um Überlassung des Grundstücks an der Dechanatstraße 3 bat. Die Bürgerschaft lehnte die Anfrage jedoch ab, wahrscheinlich wegen des damals noch allzu privaten Charakters des Vereins.
Eine Statutenänderung in den "Gesetzen" des Vereins von 1837 belegt, wie sich der Gedanke an ein eigenes Gebäude festigte. Laut § 20 sollte von nun an die Hälfte des Überschusses eines jeden Jahres "zum Zwecke der Erwerbung und Erhaltung eines Kunstlocals zurückgelegt und daraus ein zinslich zu belegendes Capital gebildet werden".
Im Zusammenhang mit der Organisation der dritten Kunstausstellung 1843 wurde das Bedürfnis nach eigenen Räumlichkeiten abermals laut, und der Verein wiederholte nun, nachdem er sich allen interessierten Mitgliedern geöffnet hatte, seine Bitte an den Senat, ihm das Anwesen an der Dechanatstraße 3 zu überlassen. Erst 1844 stimmten der Senat und die Bürgerschaft zu, nachdem Johann Heinrich Albers 3000 Taler für den Bau gestiftet hatte, unter der Bedingung, daß der Staat dem Verein ein passendes Areal zur Verfügung stellte. Sofort begann die Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs für "ein Gebäude in einem einfachen, würdigen Style, geschmackvoll und ohne Überladung oder Prunk und durchaus solide errichtet".[2] Doch nach den eingelieferten Entwürfen stellte sich bald heraus, daß das Gelände wesentliche Mängel aufwies, die architektonisch kaum zu bewältigen waren. Auch fiel nun auf, daß die städtebauliche Lage nicht repräsentativ genug für die gestiegene öffentliche Bedeutung des Vereins war, und so bat man in einer erneuten Eingabe den Senat 1845 um ein bisher als Turnplatz genutztes Grundstück an der Domsheide.
Das umfangreiche Schreiben an den Senat wurde sogar gedruckt herausgegeben. Es enthielt nicht nur eine ausführliche Beschreibung der baulichen Probleme an der Dechanatstraße, sondern auch einige Passagen von programmatischem Anspruch über das Selbstverständnis des Kunstvereins. Es stellte damit gleichsam die Magna Charta des Kunstvereins dar.
Zunächst wurden darin einige Bedenken in Senat und Bürgerschaft, "ob es sich auch wohl verantworten lasse, einen so schönen (...) dem Staate zu Gebote stehenden Platz einem Privat-Vereine und zu Privatzwecken einzuräumen", nachdrücklich zurückgewiesen. Der Kunstverein verstehe sich "durchaus nicht als eine zu Privatzwecken zusammengetretene Association". Die Beförderung und Pflege der bildenden Künste, die sich der Verein zur Aufgabe gemacht habe, gehöre, "wie allgemein anerkannt wird, an sich zu den höheren Zwecken des Staates (...). Wenn nun hier in Bremen den eigentümlichen Verhältnissen unseres Staatswesens (...) nach, dennoch diese Pflege nicht direkt vom Staate übernommen wurde, sondern einem Vereine von Privatleuten zufiel, so darf daraus doch nicht im entferntesten gefolgert werden, daß dieses damit ein Verein zu Privatzwecken sei."[3] Zur Betonung dieses öffentlichen Charakters war dem Schreiben eine aktuelle Mitgliederliste beigefügt, die 420 Namen umfaßte. Die hier anklingende Diskussion über den privaten Status eines Kunstvereins, der gleichzeitig Träger öffentlicher Aufgaben ist, zieht sich geradezu als Leitmotiv durch die gesamte Geschichte des Kunstvereins in Bremen.
Doch auch dieses Gesuch wurde abgelehnt. Inzwischen hatte die Direktion des Kunstvereins jedoch einen weit schöneren Bauplatz gefunden, um den sie in einer erneuten Anfrage vom November 1845 bat. Man wünschte sich ein Areal in den Wallanlagen am Ostertor, eine schöne Lage in grüner Parklandschaft. Endlich stimmten Senat und Bürgerschaft zu und übereigneten dem Verein das Gelände. Der Architektenwettbewerb konnte beginnen. Da keiner der eingereichten Pläne auf Anhieb überzeugte, wählte man die Vorschläge der Bremer Architekten Johann Wetzel und Lüder Rutenberg zur weiteren Überarbeitung aus. Diese Pläne gingen von einem einfachen, rechteckigen Grundriß aus und waren weit bescheidener als die reich dekorierten Dreiflügelanlagen vieler Konkurrenten. Dafür versprachen die Baumeister, mit den angesetzten Baukosten auszukommen. Nach einer weiteren Überarbeitung erging der Auftrag an Lüder Rutenberg, dem man als Bauführer den Architekten Carl Gildemeister zur Seite stellte.
Im Juli 1847 war Grundsteinlegung, am 1. Mai 1849 konnte das neue Gebäude feierlich eröffnet werden. Die nach Norden zum Ostertorsteinweg gerichtete Fassade besaß einen dreiachsigen Mittelrisalit und vierachsige Flügel. Das von Rutenberg geplante Skulpturenprogramm, das aus Geldmangel erst einige Jahre später vollendet werden konnte, sollte die Funktion des Gebäudes nach außen sichtbar machen: Im Giebel des Mittelrisalites erschienen drei Reliefs mit Allegorien der Architektur, Bildhauerei und Malerei, 1854 fertiggestellt von dem Bremer Bildhauer Johann Scholl. Darunter, vor den Pilastern am Obergeschoß, standen die Statuen von Raffael und Michelangelo, Dürer und Rubens, die nach 1856 von Gustav Adolf Steinhäuser geschaffen wurden. Sie stellten exemplarisch die größten alten Meister südlich und nördlich der Alpen vor Augen, während die Standbilder von Peter Cornelius und Christian Rauch in den Nischen der Vorhalle die zeitgenössische Malerei und Plastik repräsentierten. Sie wurden nach 1877 von Diedrich Kropp gearbeitet.
Im Erdgeschoß durchschritt der Eintretende zunächst die offene Vorhalle und gelangte dann in das große Vestibül, an das sich die Treppe zum Obergeschoß anschloß. Zu beiden Seiten des Vestibüls lagen zwei große Säle mit je vier Fenstern nach Norden. Der eine wurde als Versammlungsraum genutzt, der andere war mit drei angrenzenden Zimmern der Ausstellung von Skulpturen vorbehalten. Zunächst überwogen die Abgüsse antiker Meisterwerke - im Vestibül hatte man die Laokoon-Gruppe und den Borghesischen Fechter aufgestellt -, doch zur Eröffnung hatte der Verein als kostbares Original die Psyche von Carl Steinhäuser erworben, die den Grundstock für die Sammlung zeitgenössischer Plastik bildete. Im Obergeschoß erstreckte sich ein riesiger, durchgehender Saal mit 11 Nordfenstern, der durch zwei Säulenpaare in drei Kompartimente gegliedert war. Erst nachträglich eingebaute, hölzerne Scherwände machten ihn für die Ausstellung von Gemälden wirklich benutzbar. Nach Süden waren einige kleinere Räume für das Kupferstichkabinett und die Bibliothek eingerichtet worden. Im Souterrain schließlich befanden sich eine Wohnung für den Konservator und Stauräume für Kisten.
Zur Eröffnung der Kunsthalle hatte der Vorstand im Februar 1849 eine Mittheilung an die Mitglieder drucken lassen, in der das zukünftige Programm des Vereins ausführlich erläutert wurde. Mit Recht drückte man hier den Stolz über das Erreichte aus und betonte nachdrücklich die Leistung des Vereins als einer "Bürgerinitiative"[4]: "Nicht die Munifizienz eines Fürsten, nicht das Decret einer öffentlichen Behörde hat es errichtet, - nein, unsre jährlichen fünf Thaler haben es gebaut", - und mit Stolz setzen wir hinzu: "Bremens erhöhte Bildung hat es in's Dasein gerufen!"[5]
Da nun ein Gebäude vorhanden war, wurde der Aufbau einer eigenen Sammlung zur vorrangigen Aufgabe: "Denn darauf wird der Kunstverein doch fortan sein Hauptaugenmerk zu richten haben, daß er nicht bloß ein schönes, leeres Gebäude, lediglich zum Zwecke periodischer Ausstellungen besitze, sondern daß die Kunst darin einen wahren Tempel finde, in den ihre Verehrer sich zu jeder Zeit flüchten, zu jeder Zeit Nahrung für ihren Hang, Stoff und Befriedigung für ihr Studium finden mögen."[6] Um dieses Ziel zu erreichen, war der Kunstverein auf Spenden angewiesen, und daher schließt der Text mit einem eindringlichen Appell an die Großzügigkeit und den Gemeinsinn seiner Mitglieder - in den folgenden Jahren sollte er große Wirkung zeigen.
Mit dem Bau der Kunsthalle errichtete sich der Kunstverein in Bremen als erster in Deutschland ein eigenes Gebäude, ja es war überhaupt das erste eigenständige Haus für eine bürgerliche Sammlung; denn Schinkels Museum am Lustgarten in Berlin, Klenzes Glyptothek und seine Pinakothek in München sowie die Museen in Stuttgart und Karlsruhe beherbergten fürstliche Sammlungen. Die großen bürgerlichen Sammlungen in Köln und Frankfurt besaßen dagegen keine eigens errichteten Gebäude.
Dem Bremer Beispiel folgten bald die Kunstvereine von Hamburg und Leipzig. Im 1817 gegründeten Hamburger Kunstverein erhob sich die Forderung nach einem eigenen Gebäude erstmals 1856. Auch hier ging die Initiative vom Verein aus, auch hier spendeten Privatleute hohe Summen zum Bau, und wie in Bremen stellte auch hier der Senat das Grundstück zur Verfügung. Doch mit dem Bauvorhaben ging die Leitung des Projektes in die Hände der Stadt über. Die Hansestadt Hamburg beteiligte sich erheblich an den Baukosten, während diese in Bremen vollständig vom Verein aufgebracht worden waren. Mit dem Bau des Museums war in Hamburg die Stadt zum Träger der Sammlung und des Hauses geworden.[7]
Ähnlich verhielt es sich auch in Leipzig. Der 1837 gegründete Kunstverein machte es sich von Anfang an zur Aufgabe, eine Sammlung zu erwerben, um ein städtisches Kunstmuseum zu gründen. 1848 überwies der Verein seine Sammlung an die Stadt. 1858 konnte ein eigener Museumsbau vollendet werden, zu dessen Finanzierung private Stiftungen erheblich beigetragen hatten. Auch hier wurde die Stadt zum Träger des Museums.[8]
In Bremen blieb dagegen bis heute der Kunstverein Hausherr im eigenen Gebäude, glücklicherweise seit Beginn dieses Jahrhunderts mit finanzieller Unterstützung der Stadt. Diese Konstellation ist noch heute eine Besonderheit, die sich gegen mehrfache Ansätze zur Verstaatlichung durchgesetzt hat.
(Dr. Dorothee Hansen)
[1] Zur Baugeschichte der Kunsthalle Bremen vgl. besonders Inken Dohrmann (wie Anm. 1), und Volker Plagemann: Das deutsche Kunstmuseum 1790-1870, München 1967, S. 160-164.
[2] Ausschreibungsprogramm vom 8. Oktober 1844, Archiv der Kunsthalle Bremen, Akte 9.
[3] Eingabe an den Senat vom Februar 1845, S. 12, mit Verzeichnis der 420 Mitglieder als Anhang.
[4] Vgl. Rudolf Blaum: Bremische Bürgerinitiativen als Kulturträger, in: 450 Jahre Altes Gymnasium in Bremen 1528-1978, Bremen 1978, und Günter Busch: Die Kunsthalle Bremen in vier Jahrzehnten. Eine hanseatische Bürgerinitiative, Bremen 1984 .
[5] So in der Mittheilung an die Mitglieder des Kunstvereins in Bremen die Eröffnung der neuen Kunsthalle und künftige Ausstellungen betreffend, Bremen im Februar 1849, S. 4, unter Bezugnahme auf den Präsidialvortrag in der Generalversammlung vom 29. October 1848.
[6] Ebd. S. 12.
[7] Vgl. Ulrich Luckhardt: "...diese der edlen Kunst gewidmeten Hallen". Zur Geschichte der Hamburger Kunsthalle, Hamburg 1994.
[8] Vgl. Karl-Heinz Mehnert: Das Museum der bildenden Künste in Leipzig, in: Von Lucas Cranach bis Caspar David Friedrich, Museum der bildenden Künste Leipzig, Stuttgart 1994, S. 19-40.