Anfang 1992 erkrankte Herr Salzmann so schwer, daß er nur noch begrenzt in der Lage war, seine Aufgaben wahrzunehmen. Dies hatte zur Folge, daß der ehrenamtlich tätige Vorstand des Kunstvereins, insbesondere dessen Vorsitzer, in zunehmendem Maße Leitungsaufgaben des Hauses übernehmen mußte, ein auf die Dauer untragbarer Zustand. So harrten, als Herr Salzmann Ende 1993 in den Ruhestand trat, verschiedene Fragen einer dringenden Erledigung.
Nicht nur mußte eine Nachfolge für die Leitung der Kunsthalle gefunden werden, sondern darüber hinaus waren auch zwei Kustodenstellen neu zu besetzen. Sie waren bewußt unbesetzt geblieben, um der neuen Leitung der Kunsthalle nicht vorzugreifen. Gleichzeitig duldete die Fortführung der Renovierung des Altbaus keinerlei Aufschub. Die begonnenen Arbeiten mußten so bald wie möglich zügig fortgesetzt werden, wollte man nicht erneute Rückschläge in Kauf nehmen.
Ebenso stand in der personellen Zusammensetzung des Vorstandes eine Neuordnung an. Dr. Blaum äußerte Anfang 1994 nach einer fast 45-jährigen Tätigkeit im Vorstand - zunächst als Schriftführer, dann als stellvertretender und erster Vorsitzer - den Wunsch, von der Bürde seines Amtes entbunden zu werden. Dies gab Anlaß zu einer grundlegenden Umbildung des geschäftsführenden Vorstandes, verbunden mit einer Neubesetzung der Ämter des stellvertretenden Vorsitzers und des Schriftführers. Der bisherige stellvertretende Vorsitzer Georg Abegg übernahm die Nachfolge im Vorsitz und sicherte damit die Kontinuität in der Leitung des Kunstvereins. Rudolf Blaum blieb weiterhin Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes und behielt auch als Sonderbeauftragter des Kunstvereins die Federführung für die Rückführung der nach Rußland verschleppten Kunstwerke. Ein Jahr später wurde er anläßlich der Erreichung des 80. Lebensjahres zum Ehrenvorsitzer des Kunstvereins bestellt und mit einer Festschrift geehrt.
Der neu konstituierte Vorstand brachte als erstes die Lösung des Personalproblems zum Abschluß. Nach einer noch von dem bisherigen Vorstand getroffenen Vorauswahl wurde endgültig Dr. Wulf Herzogenrath zum neuen Direktor bestellt, zumal er mit dem Hause seit langem wohl vertraut war. Er trat im September 1994, von der Nationalgalerie Berlin kommend, seinen Dienst an. Erste Akzente setzte er mit der Wiederherstellung der Architektur des ehemaligen "Beckmann-Raumes", dessen Fenster zu den Wallanlagen er öffnete. Wenige Monate später erschien eine Publikation zu dem nunmehr Große Galerie genannten größten Saal der Kunsthalle.
Als nächstes wurde die Fortsetzung der Renovierung der Kunsthalle in die Hand genommen. Zu diesem Zwecke wurde 1994 vom geschäftsführenden Vorstand ein Kuratorium zur Erneuerung der Kunsthalle gebildet, das unter der Federführung des stellvertretenden Vorsitzers Harald Berghöfer stand und dem weitere, im öffentlichen Leben bekannte Persönlichkeiten angehörten, unter anderem auch der nunmehrige Ehrenvorsitzer Rudolf Blaum. Dem Kuratorium gelang es, relativ zügig über DM 7 Mio. Spenden für die Erneuerung der Kunsthalle aufzubringen. Die Stadt Bremen und die Bundesregierung gaben daraufhin je weitere DM 7 Mio., so daß im Frühjahr 1996 mit den Baumaßnahmen begonnen werden konnte. Die Planung der Sanierung und des Umbaus der Kunsthalle übernahm der Bremer Architekt Prof. Wolfgang Dahms, der sich bei der Gestaltung des Neuen Museums Weserburg bereits bewährt hatte.
Als erste Stufe der Baumaßnahmen wurden die Grundzüge für eine Neugestaltung erarbeitet. Danach sollte die bisherige Treppe einer großzügigen Eingangshalle weichen. Durch eine neue, um 90 Grad gewendete Treppe sollten im Dachgeschoß vier neue Säle erschlossen werden, einer davon lichtdurchflutet unter einem Glasdach. Diese Säle hatten eigentlich schon bei dem Umbau der Kunsthalle 1902/4 ausgebaut werden sollen, jedoch gingen damals die Mittel aus. Durch die nunmehrige Neugestaltung sollte das damals Unterlassene nachgeholt und damit neue Möglichkeiten, insbesondere auch für die jüngste aktuelle Kunst, die einen eigenen Akzent im Programm des neuen Direktors darstellte, erschlossen werden.
Des weiteren sollte das Erscheinungsbild der Säle durch neue Wandgestaltungen, Beleuchtungskörper und Sitzgelegenheiten grundlegend verbessert werden. Auch sollte durch Veränderungen in der Struktur des Erdgeschosses das Gebäude den modernen Anforderungen an einen Ausstellungsbetrieb besser angepaßt werden. Dazu gehörte insbesondere eine Neugestaltung des Museumsshops in Verbindung mit einem großzügigen Kassenbereich sowie die Einrichtung eines Vortragsraumes für Video- und Dia-Vorführungen.
1995 konnten die zwei vakanten Kustodenstellen neu besetzt werden, so daß der Kreis der wissenschaftlichen Mitarbeiter wieder vollständig war. Darüber hinaus wurde 1997 dank privater Spenden auch die seit 1983 eingesparte Volontärstelle wieder eingerichtet.
Zu den bedeutenden Erwerbungen seit dem Amtsantritt von Wulf Herzogenrath gehörten der Video-Sythesizer von Nam June Paik (1969) und die Ton- und Lichtinstallation Essay von John Cage, die ein Kunstfreund der Sammlung schenkte. Der Förderkreis für Gegenwartskunst entwickelte einen neuen Schwerpunkt zum Thema Photographie, indem er die große Photoarbeit Im Wahnzimmer von Bernhard und Anna Blume erwarb. Ohne diesem Schwerpunkt verpflichtet zu sein, ergab es sich, daß der Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen 1995 dem Photographen Wolfgang Tillmans verliehen wurde. Der Stifterkreis erwarb außerdem einige seiner Arbeiten für die Kunsthalle, so daß auch durch diese Erwerbung der Bereich Photographie und neue Medien ausgebaut werden konnte. Auch der bestehende Werkkomplex mit Arbeiten von Richard Oelze konnte 1995 durch eine großzügige Stiftung von Frau Ellida Schargo von Alten bereichert werden. 1997 schenkte der ehemalige Bauhaus-Student Kurt Kranz wertvolle Arbeiten, die sein filmisches Denken seit 1927 herausragend belegen.
In dem Ausstellungsprogramm, das in der kurzen Zeit bis zur Erneuerung der Kunsthalle realisiert wurde, zeigte sich die Verbindung mit der Tradition des Hauses, aber auch ein Blick nach vorn. Die Ausstellungen von Henri Toulouse-Lautrec und Max Liebermann zogen jeweils über 125.000 Besucher an und brachten die Kunsthalle bei einem breiten Publikum auch überregional wieder mehr ins Gespräch. Eine wissenschaftliche Reihe zur Aufarbeitung der großen Sammler und Stifter wurde mit einer Ausstellung und Publikation über Johann Friedrich Lahmann begonnen. Ein neues, junges Publikum wurde schließlich durch die Ausstellung von Zeichnungen und Aktionen von John Lennon gewonnen.
Während der Sanierungsarbeiten zeigte die Kunsthalle einige ihrer Schätze an anderen Orten. Ein großer Werkkomplex war in der Paula Modersohn-Becker-Ausstellung in der Böttcherstraße zu sehen, das zeichnerische Werk der Künstlerin wurde im Kunstverein Herford gezeigt, Druckgraphik der Dürerzeit präsentierte die National Gallery of Modern Art in Seoul in Korea, und in Delmenhorst zeigte man das graphische Werk Picassos. Doch die bei weitem umfangreichste Präsentation fand in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn statt: Hier stellte sich die Kunsthalle mit einem repräsentativen Querschnitt durch ihre Sammlungen dar und zeigte ihre bedeutendsten Werke - eine einmalige Ausstellung, denn 1998, zum 175. Jubiläum des Kunstvereins, kehrte die Sammlung in die frisch renovierten Säle der Kunsthalle Bremen zurück.
(Dr. Dorothee Hansen)