Bereits 1887, als man den Erweiterungsbau plante, erkannte der Vorstand auch die Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Leiters der Sammlung. Er sollte nicht nur die Ausstellungen organisieren, sondern auch durch Vorträge und schriftstellerische Tätigkeit "auf das künstlerische Interesse in unserer Stadt wirken".[1]
In den vergangenen Jahren waren die Ausstellungen von Konservatoren betreut worden, die in enger Verbindung mit dem Kunsthandel standen. Dies wirkte sich unmittelbar auf die Auswahl der gezeigten Bilder aus, und so sah man zu Zeiten des Konservators Michel vor allem Gemälde der Düsseldorfer Schule, während unter Max Kriegels Regie die Münchner Maler dominierten. Da sie in erster Linie "Geschäftsleute" waren, wurde die vereinseigene Sammlung von ihnen sehr vernachlässigt. Der erste Bestandskatalog war daher auch nicht von einem Konservator, sondern von einem Vereinsmitglied, dem Arzt Dr. Hurm, geschrieben worden, der zwar ein großer Kenner und Liebhaber, aber letztlich doch ein Laie war.
1899 glaubte man, eine Persönlichkeit gefunden zu haben, "welche unter Vermeidung der einseitigen Bevorzugung extremer künstlerischer Richtungen das gute Neue neben dem bewährten Alten in gleicher Weise wie bisher zu Worte kommen läßt."[2] Gemeint war Gustav Pauli (1866-1938), Sohn des Bremer Bürgermeisters Alfred Pauli, der viele Jahre im Vorstand der Kunsthalle tätig gewesen war. Gustav Pauli hatte nach seiner Doktorarbeit über die Renaissancebauten in Bremen am Dresdener Kupferstichkabinett gearbeitet und trat im Sommer 1899 seinen Dienst in der Kunsthalle an.[3]
Später sollten ihm jedoch einige Leute die "einseitige Bevorzugung extremer künstlerischer Richtungen" vorwerfen, die der Vorstand so peinlich zu vermeiden gesucht hatte. Pauli erwies sich nämlich als jener "Typ des modernen Galerieleiters", mit dem "eine neue Weltanschauung in die Museen einzieht"[4], und das konnte einigen Konservativen nicht gefallen. Er machte aus der Kunsthalle Bremen eine Galerie moderner Kunst, von der Karl Scheffler 1912 sagen konnte: "Es bedarf nur eines Ganges durch die Bremer Kunsthalle, um zu begreifen, daß diesem Museum neuerer Kunst weit über die Grenzen Bremens hinaus die Bedeutung eines werdenden Musterinstituts zukommt."[5]
Da bereits damals die Alten Meister angesichts der beschränkten Mittel des Kunstvereins unerschwinglich geworden waren, konzentrierte sich Pauli bei seinen Erwerbungen auf die neuesten künstlerischen Strömungen. Als einer der ersten setzte er sich für die Worpsweder Maler ein. Schon früh erwarb er Gemälde der damals völlig verkannten Paula Modersohn-Becker, darunter ihre großen Werke Stilleben mit Früchten und Stilleben mit Blumen, und er veranstaltete 1908 die erste Einzelausstellung der Künstlerin.
Pauli brachte eine Kollektion von Bildern französischer und deutscher Impressionisten zusammen, die noch heute den bedeutendsten Schwerpunkt der Sammlung bilden, darunter die Camille von Monet, den Zacharie Astruc von Manet und Gemälde von Courbet, Renoir, Pissarro, Liebermann, Corinth und Slevogt. Für diese progressive Sammlungspolitik wurde er immer wieder öffentlich angegriffen - der Bremer Maler, Dichter und Kritiker Artur Fitger gehörte zu seinen hartnäckigsten Kontrahenten -, doch mit Rückhalt im Vorstand konnte Pauli sich behaupten. 1911 löste der Ankauf des Mohnfeldes von Van Gogh einen Kunststreit aus, der in gedruckten Pamphleten geführt wurde und die Künstler und Museumsleute in ganz Deutschland in zwei Lager teilte. Pauli stand damals neben Hugo von Tschudi in Berlin an vorderster Front bei der Durchsetzung der modernen Malerei.[6]
Durch seine Museumsarbeit, zu der auch Vorträge und Führungen gehörten, gewann Pauli viele engagierte Förderer für die Kunsthalle. Bereits 1899 gründete er die Vereinigung von Freunden der Kunsthalle, deren Mitglieder mit ihren Jahresbeiträgen von 100 Mark Neuerwerbungen unterstützten. 1905 konnte beispielsweise aus diesen Mitteln das Eherne Zeitalter von Rodin angekauft werden. "Das ist nicht genug" - mit diesen Worten gründete Dr. Heinrich Wiegand, Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd und Vorstandsmitglied im Kunstverein, 1904 den Galerie-Verein, dessen Mitglieder durch jährliche Beiträge von 500 bzw. 1000 Mark Neuerwerbungen für die Galerie ermöglichten.[7] Aus seinen Mitteln wurden Hauptwerke von Manet, Monet, Van Gogh und Paula Modersohn-Becker angekauft.
Außerdem stifteten viele Mitglieder einzelne Werke oder Werkgruppen. Dazu gehörten Alfred Walter Heymel, der das Früchtestilleben von Renoir, das Pastell der Tänzerin von Degas und den Sechskampf auf der Insel Lipadusa von Schnorr von Carolsfeld stiftete, Berta Biermann, die die Kuhhirtin von Max Liebermann für die Kunsthalle erwarb, oder ihr Sohn Leopold, der u.a. den Schäfer im Sturm von Ernst Barlach schenkte. Die bedeutendste Stiftung machte der langjährige Vorsitzer des Vereins, Dr. jur. Hermann Henrich Meier (1845-1905), der der Kunsthalle seine berühmte Graphiksammlung hinterließ. Die ca. 100.000 Blatt umfassende Kollektion enthielt Arbeiten von Goya bis Munch, mit besonderen Schwerpunkten u.a. bei Menzel, Klinger, Pissarro und Toulouse-Lautrec. Nach dem Tod seiner Frau 1928 kamen auch 24 Gemälde aus seinem Besitz in die Kunsthalle, darunter die Mäuse von Jacques de Gheyn und die Kolfspieler von Aert van der Neer.
Pauli war nicht nur ein unermüdlicher Mehrer der Sammlung, sondern er bearbeitete die Bestände erstmals nach wissenschaftlichen Maßstäben und ordnete die Schauräume neu. Allzu schwache Werke wurden ausgeschieden oder ins Depot verbannt, viele Zuschreibungen konnten korrigiert werden. 1907 legte er den Katalog der Gemälde und Bildhauerwerke in der Kunsthalle zu Bremen vor, in dem er seine Ergebnisse zusammenfaßte. Wissenschaftlich beschäftigte er sich auch sonst intensiv mit der älteren Kunstgeschichte.
Seine Vorliebe galt in besonderem Maße der Dürerzeit; so erschienen 1901 und 1911 seine kritischen Kataloge der Brüder Beham. 1908 gründete er das Jahrbuch der Bremischen Kunstsammlungen, ein bedeutendes Organ für heimatliche Kunstgeschichte.Eine wichtige Unterstützung beim Aufbau der Sammlung erfuhr der Kunstverein 1904. Der Vorstand hatte sich bereits ein Jahr zuvor mit der Bitte um einen jährlichen Zuschuß an den Senat gewandt, "damit er im Interesse unserer Bevölkerung, nicht nur in dem seiner Mitglieder, die ihm anvertrauten Sammlungen dauernd und fruchtbringend allen zugänglich machen, vermehren und verwalten könne, eine Aufgabe, die zu erfüllen ihm aus eigenen Mitteln unmöglich ist." Bremen sei "der einzige bedeutendere Staat in Deutschland, in welchem die Förderung der bildenden Kunst der Privattätigkeit eines Vereins allein und ohne Staatshilfe überlassen bleibt."[8] 1904 bewilligte der bremische Senat erstmals einen Zuschuß von 10.000 Mark, der sich 1905 auf 30.000 Mark, 1912 auf 50.000 Mark im Jahr für Verwaltung und Neuerwerbungen erhöhte. Die daran geknüpfte Bedingung, die Sammlungen dauerhaft für alle Bremer und Fremden geöffnet zu halten, deckte sich mit den langjährigen Bestrebungen des Kunstvereins. Endlich konnte dies in die Tat umgesetzt werden, und man engagierte sogar einen Beamten, der im Kupferstichkabinett dem interessierten Besucher graphische Blätter vorlegte. Die Kunsthalle war ein öffentliches Museum geworden, getragen von einem privaten Verein mit finanzieller Hilfe der Stadt.
(Dr. Dorothee Hansen)
[1] Jahresbericht des Vorstandes des Kunstvereins 1897/98, S. 5.
[2] Jahresbericht des Vorstandes des Kunstvereins 1898/99, S. 5.
[3] Über Gustav Pauli vgl. Emil Waldmann: Zu Gustav Paulis 65. Geburtstag, in: Museumskunde 3, 1931, S. 1-4; Victor Dirksen: Gustav Pauli, in: Museumskunde 10, 1938, S. 135-139; Rudolf Alexander Schröder: Nachruf auf Gustav Pauli, in: Gesammelte Werke Bd. 3, Frankfurt am Main 1952, S. 1109ff; Günter Busch: Rudolf Alexander Schröder, in: Bremische Biographie 1912-1962, Bremen 1969, S. 371-373; Siegfried Salzmann: Gustav Paulis Ankaufspolitik und der 'Japonismus', in: Szenen aus dem alten Japan, Ausstellungskatalog Kunsthalle Bremen 1990, S. 238-244; Siegfried Salzmann: Gustav Pauli und das moderne Kunstmuseum, in: Avantgarde und Publikum. Zur Rezeption avantgardistischer Kunst in Deutschland 1905-1933, hrsg. von Henrike Junge, Köln/Weimar/Wien 1992, S. 235-242; Dorothee Hansen: "...die Erobrung Bremens für die moderne Malerei..." Max Liebermanns Briefe an Gustav Pauli 1900 bis 1913, in: "Nichts trügt weniger als der Schein". Max Liebermann. Der deutsche Impressionist, Ausstellungskatalog Kunsthalle Bremen 1995, S. 50-60.
[4] Karl Scheffler: Deutsche Museen Moderner Kunst III. Die Bremer Kunsthalle, in: Kunst und Künstler 11, 1912/13, S.85, 86.
[5] Ebd. S. 88.
[6] Wulf Herzogenrath: Ein Schaukelpferd, von einem Berserker geritten. Gustav Pauli, Carl Vinnen und der "Protest deutscher Künstler" , in: Manet bis Van Gogh. Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne, Ausstellungskatalog Berlin /München 1996/97.
[7] Gustav Pauli: Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten, Tübingen 1936, S. 176.
[8] Jahresbericht des Vorstands des Kunstvereins 1903/04, S. 4.