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Home > Kunsthalle > Über uns > Geschichte > Wulf Herzogenrath (1994-2011)
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Wulf Herzogenrath (1994-2011)

Mit der Berufung von Wulf Herzogenrath im Jahr 1994 entschied sich der Vorstand des Kunstvereins mit seinem neuen Vorsitzer Georg Abegg für einen Direktor, der sich wissenschaftlich vor allem zum Themenkreis Bauhaus und zur Gegenwartskunst profiliert hatte. Als Mitorganisator der documenta 6 (1977) und der documenta 8 (1987) hatte er sich durch seine Pionierarbeit für die Videokunst und Fotografie bereits international einen Namen gemacht. Nach seiner Promotion über Oskar Schlemmers Wandarbeiten war Herzogenrath bis 1973 am Museum Folkwang in Essen tätig gewesen, hatte mit 28 Jahren die Leitung des Kölnischen Kunstvereins übernommen und war 1989 an die Nationalgalerie Berlin berufen worden, um unter anderem das neue Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof als Hauptkustos zu betreuen. Seit Gründung der Paula Modersohn-Becker-Stiftung in Bremen (1979) war er Mitglied in deren Vorstand, seit 1994 Honorarprofessor an der Hochschule für Künste Bremen.

Nach ersten erfolgreichen Ausstellungen zu Henri de Toulouse-Lautrec, Max Liebermann und John Lennon wurde die Kunsthalle in den Jahren 1996 bis 1998 saniert, wobei die Bausumme von 21 Millionen DM zu je einem Drittel von Mitgliedern des Kunstvereins, der Hansestadt Bremen und vom Bund gestellt wurde. Während der Schließzeit fand eine Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn statt. Mit dem Umbau war unter dem Dach der Kunsthalle auch Raum geschaffen worden, um jüngere Kunst zu zeigen. John Cages Ton- und Licht-Environment Writing through the Essay ‘On the Duty of Civil Disobedience sowie Otto Pienes Salon de lumière, beide 1997 erworben, wurden zum festen Bestandteil der Dauerausstellung. Indem Herzogenrath den Eingang mit Paiks Videoskulptur Nische für Bremen und Carl Steinhäusers Marmorskulptur Genius des Friedens flankierte, veranschaulichte er programmatisch die neue Bandbreite des Hauses. Die erste Erwerbung 1995 war Nam June Paiks Videosynthesizer.

Auch in der Hängung auf den nunmehr farbigen Wänden setzte Herzogenrath neue Akzente, indem er junge Kunst, darunter Werke von Bill Viola und Cindy Sherman, spannungsvoll mit alter Kunst konfrontierte, ein Konzept, das er schon 1995 für die Große Galerie verfolgte, die dem Bild vom Menschen durch die Jahrhunderte nachgeht.

Obwohl ihm kein offizieller Ankaufsetat zur Verfügung stand, konnte Herzogenrath auch die Sammlung alter Kunst um Sebastian Stoskopffs reduziertes Stillleben mit Karpfen auf einer Spanschachtel und die Anamorphose eines anonymen Künstlers des 17. Jahrhunderts erweitern.

In das Kupferstichkabinett kehrten in seiner Amtszeit durch Rückgabe und Rückkauf einige Kriegsverluste zurück, darunter 2001 die sogenannte Sammlung 101. Ein Russe war dem Beispiel von Viktor Baldin gefolgt und hatte die Blätter zurückgegeben, unter denen sich Dürers Aquarell Das Felsenschloss aus der Stiftung des Senators Hieronymus Klugkist befand. Ende 2004 erhielt der Kunstverein mit dem Altarflügel Der Heilige Johannes eines seiner wichtigsten Werke von Albrecht Dürer aus Estland zurück. Zu der langersehnten Rückgabe der Sammlung Baldin kam es nicht, trotz mehrfacher konkreter Verhandlungen. Nach wie vor dürften sich viele Werke in Russland befinden. Dafür sprechen Einzelfälle wie die Rückgabe von Hans von Marées’ Selbstbildnis durch einen Privatmann aus der Ukraine im Jahr 1995.

Im Bereich der jüngeren Kunst gelangten große Konvolute von Nam June Paik, John Cage, dem Bauhaus-Künstler Kurt Kranz, Günther Förg und Walter Stöhrer in die Graphische Sammlung. Darüber hinaus baute Herzogenrath als erster Museumsmann in Deutschland ab 2001 einen Forschungsschwerpunkt für frühe Computergraphik der 1950er bis 1970er Jahre auf. Die Sammlung von Herbert W. Franke konnte mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung erworben werden, es folgten für den Bestandskatalog Schenkungen einzelner Computerkünstler sowie Symposien und eine Ausstellungsreihe.

Unter den zahlreichen Sammlungskatalogen, die zu Herzogenraths Amtszeit erschienen, seien die beiden Bände zur Gemäldesammlung und zum Kupferstichkabinett Kunsthalle Bremen. Meisterwerke (1998) sowie die Kataloge Die Große Galerie in der Kunsthalle Bremen (1995) und Vom Klassizismus zum Kubismus. Bestandskatalog der französischen Malerei in der Kunsthalle Bremen (2011) genannt.

Durch das abwechslungsreiche Programm von bis zu zwanzig Ausstellungen im Jahr erfuhr die Kunsthalle während Herzogenraths Amtszeit große nationale und internationale Beachtung. Unter den Ausstellungen zur aktuellen Kunst seien die Reihen zur Fotokunst (Anna und Bernhard Johannes Blume, Günther Förg, Jörg Sasse, u.a.) und zur Videokunst erwähnt, in der Väter der Videokunst wie Nam June Paik, Peter Campus oder Bill Viola, aber auch junge Künstler wie Bjørn Melhus, Diana Thater und Yves Netzhammer präsentiert wurden. Einen Höhepunkt bildete die Ausstellung 40jahrevideokunst.de: Digitales Erbe: Videokunst in Deutschland von 1963 bis heute, die auf Herzogenraths Initiative zeitgleich in Bremen, Düsseldorf, Karlsruhe, Leipzig und München gezeigt wurde.

Herzogenrath realisierte mit seinem wachsenden Team erfolgreiche Großausstellungen zum Blauen Reiter, zu Van Goghs Mohnfeld, zu Paul Klees Bauhausjahren sowie zu Monets Camille und Paula Modersohn-Beckers Paris-Aufenthalten. Besucherrekorde, darunter die Höchstzahl von 320. 000 Besuchern zur Van-Gogh-Ausstellung, wurden aufgrund überzeugender wissenschaftlicher Konzepte, einer umfangreichen Öffentlichkeitsarbeit, einem breiten pädagogischen Angebot und einem professionellen, originellen Marketing erzielt. Die Mitgliederzahl des Kunstvereins verdoppelte sich unter Herzogenrath auf über 7000 Mitglieder.

Nicht nur der Anfang sondern auch das Ende von Herzogenraths Direktorat verband sich mit einer Bauphase. 2008 gewann das Architekturbüro Hufnagel Pütz Rafaelian den Architekturwettbewerb für einen Erweiterungsbau, dessen Finanzierung (30 Millionen Euro) zu je einem Drittel durch die privaten Spenden der Karin und Uwe Hollweg-Stiftung und der Familien Lürssen sowie dem Land Bremen und dem Bund ermöglicht wurde.

Während bedeutende Teile der Bremer Sammlung zwei Jahre lang unter dem Titel Noble Gäste. Meisterwerke der Kunsthalle Bremen in 22 deutschen Museen bundesweit präsentiert wurden, erhielt der Altbau der Kunsthalle ab Frühjahr 2009 zwei neue Flügel, entsprechend der alten Symmetrie des Hauses. Mit dem Zugewinn an 4000 m2, davon mehr als 1000 m2 für die Sammlungspräsentation, für die museumspädagogische Arbeit, für angemessene Depots und Restaurierungswerkstätten sowie mit der Installation eines höchst effizienten Energieversorgungssystems ist die Kunsthalle für die Anforderungen im internationalen Museumswesen gerüstet und auf ein neues solides Fundament gestellt. Am Ende von Herzogenraths Amtszeit, im späten Sommer 2011, kann sie „beflügelt“ in die Zukunft blicken.

(Dr. Anne Buschhoff)

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