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Anonym (Niederlande, 17. Jahrhundert): Christus am Kreuz (Anamorphose), um 1640

Das künstlerische Spiel mit der Wahrnehmung, dem Schein und der Wirklichkeit faszinierte schon Leonardo da Vinci. Zwei Jahrzehnte später, im 17. Jahrhundert, entwickelte sich die gemalte Anamorphose – abgeleitet von dem altgriechischen Wort „anamorphosis“, was soviel bedeutet wie „Umformung“ – zu einer eigenen Bildgattung. Den geistigen Hintergrund hierfür bilden die damaligen Bestrebungen, die Komplexität der Welt zu erfassen, zugleich aber auch die Fähigkeit der Wahrnehmung in Frage zu stellen.

Wie Schlieren auf einer Windschutzscheibe erscheinen dem Betrachter die bunten, konzentrischen Ringe, die ihm auf einem anonymen Gemälde im Saal der flämischen und holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts begegnen. Soll das Werk als abstrakter Gegenpol aus der Gegenwartskunst vielleicht neue Einblicke in die alte Kunst eröffnen? Material und Technik lassen stutzen. Oder wird hier die seit der Renaissance propagierte Zentralperspektive, die nach dem Leitprinzip des festen Blickpunkts funktioniert, in Frage gestellt?

Ein zweiter, konzentrierter Blick auf das Werk lässt verformte Figuren erkennen, und dann vermuten, dass es sich wohl eher um Letzteres handelt. Ein zylindrisch gewölbter Spiegel schließlich – wie er auf der waagerecht liegenden Reproduktion des Gemäldes im Saal gesehen werden kann – schafft Gewissheit: Bei dem Bild handelt es sich um eine Spiegelanamorphose, die die Kreuzigung Christi zeigt.

Uta Protz

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