« Zurück zur letzten Seite

Lucas Cranach der Ältere: Quellnymphe, nach 1537

Auf den ersten Blick erweckt die junge Frau den Eindruck einer unschuldig Schlafenden. Ihre leicht geöffneten Augen zeigen jedoch an, dass sie sich des Betrachters bewusst ist. Der Bogen und der Köcher neben dem Baumstamm zur Rechten weisen sie als Begleiterin Dianas aus, der Göttin der Jagd. Damit erinnerte Lucas Cranach den zeitgenössischen Betrachter an das Schicksal von Aktäon (Ovid, Metamorphosen 3,138ff.). Der Jäger hatte die keusche Diana und ihre Nymphen zufällig beim Baden beobachtet. Damit er sich nicht rühmen konnte, die jungfräuliche Göttin nackt gesehen zu haben, verwandelte sie ihn in einen Hirsch, woraufhin ihn seine eigenen Hunde rissen, die ihn nicht mehr erkannten.

Das Bild ist eine der der ersten Darstellungen eines liegenden Frauenaktes nördlich der Alpen. Cranach treibt mit dem Betrachter ein ironisches Spiel, insofern er ihn in Aktäons Rolle versetzt: Er zwingt ihm einen voyeuristischen Blick auf, ermahnt ihn aber gleichzeitig über die Bildinschrift, den Akt nicht zu wecken, sich also zu mäßigen: „Ich bin die Nymphe der heiligen Quelle, störe nicht meinen Schlaf, ich ruhe.“ Mit der Quellnymphe traf Cranach den Zeitgeschmack – aus seiner Werkstatt sind 17 Varianten des Themas bekannt.

Anne Buschhoff / Katja Riemer

« Zurück zur letzten Seite