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Martin Parr: Margate (aus der Werkgruppe Common Sense), 1999

Was wäre der englische Sommer ohne den Hut? Ob bei den Pferderennen in Ascot, den Gartenpartys im Buckingham Palace oder den Ruderregatten in Henley, kein von sich überzeugtes Mitglied der britischen Gesellschaft ist ohne dieses essenziell wichtige Accessoire. Sieht man Hüte, so sind frische Erdbeeren mit flüssiger Sahne nicht fern, doch eben nur für die Mitglieder der Gesellschaft, die den Status haben, überhaupt eingeladen zu werden.

Einfacher verhält es sich mit dem aus Amerika importierten, vor Fett triefenden und mit Zucker überstreuten Donut, den man in jedem Seebad der englischen Kanalküste, ob Brighton, Eastbourne oder Margate, preiswert erwerben kann. In diesen traditionellen Urlaubsorten der Londoner Arbeiterschaft sind nicht so sehr ausgelebte Blumenträume und wertvoller Schmuck zu sehen, sondern verschmutzte Fingernägel und ärmliche Kinderkleidung.

Mit den jeweils zu größeren Werkgruppen gehörenden Detailfotografien Henley und Margate bietet der seit 1994 für die Agentur Magnum Photos arbeitende englische Fotograf Martin Parr dem Betrachter einen kritischen Einblick in die britische Gesellschaft. Immer wieder setzt er sich ebenso humorvoll wie ironisch mit Identität, Stereotyp und Vorurteil auseinander und reiht sich somit in die Tradition der englischen Satire ein, die James Gillray, William Hogarth und Thomas Rowlandson im 18. Jahrhundert begründeten. Als herausragender Vertreter des Dokumentarismus zitiert Parr in der satten Farbigkeit seiner Werke zudem Paul Graham (geb. 1956), der Anfang der 1980er Jahre als erster britischer Fotograf Dokumentarfotografie mit Farbfotografie vereinte.

Uta Protz

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